The Tracey Fragments - Filmkritik (Berlinale 2007)

Auf den Spuren von Ellen Page oder 700km quer durch Deutschland und zurück
von Dominik Keppner, veröffentlicht am 14. Februar 2007

Berlinale 2007 Ticket


cinestar cubix berlinWas tut man nicht alles für seine Lieblingsschauspielerin?! Nach einer 6stündigen Fahrt erreiche ich die Bundeshauptstadt Berlin. Mit dem Taxi geht es zum Ticketcounter am Potsdamer Platz. Der Rummel ist deutlich zu spüren, an den Kassen bilden sich lange Warteschlangen. Wenige Minuten später halte ich dann jedoch schon die Eintrittskarte in Traceys Welt in den Händen. Anschließend noch schnell im Hotel eingecheckt, was zu Essen gekauft und weiter geht es zum Cinestar Cubix am Alexanderplatz, welches durch die auffällige Beleuchtung schon von weitem zu sehen ist. Sowohl vor dem Gebäude als auch innen herrscht mächtiger Andrang. Im 2. Stock findet man dann die Kinos 7 und 8, in denen der Film an diesem Abend parallel abgespielt wird. Durch eine Diskussionsrunde beim vorangegangenen Film verzögerte sich der Einlass und es werden immer mehr Leute. Gegen 20:10 Uhr ist es endlich soweit, die Türen werden geöffnet, die Filmfans können ihre Plätze einnehmen. Trotz freier Platzwahl kann Platz 10 in Reihe 9 ergattert werden - genau in der Mitte. Nach der kurzen Begrüßung durch einen Filmvorführer wird es dunkel und der Film läuft an...

Tracey Berkowitz ist 15 Jahre alt, beschreibt sich als ganz normales Mädchen, welches sich selbst hasst. Sie ist auf der Suche nach ihrem Bruder Sonny, der sich angeblich für einen Hund hält. Dabei hat sie allerlei Erlebnisse, die schließlich dazu führen, dass Tracey nur noch mit einem Duschvorhang bekleidet in einem Bus unterwegs ist und nun ihre Geschichte erzählt. In ihrer Erzählung kommen zum einen ihre Eltern, die ihre beiden Kinder für Unfälle halten, vor. Während der Vater stets sehr streng mit Tracey umgeht, ist die Mutter ein einziges Wrack und bekommt kaum noch etwas von ihrer Umwelt mit. Außerdem treffen wir recht bald auf den Psychiater Dr. Heker, welcher herausfinden soll, warum Tracey glaubt, ihr Bruder halte sich für einen Hund, und was in dem Mädchen generell vorgeht. Oder aber Lance, ein zwiespältiger Stricher, dem Tracey zufällig über den Weg läuft und sie mit der Aussage, dass er Sonny kenne, ordentlich hinters Licht führt und in große Schwierigkeiten bringt. Ausgangspunkt zahlreicher Ereignisse ist Traceys Schule. Hier wird sie von allen Mitschülern wegen ihres kleinen Busens schikaniert und hat keine Freunde. Erst als ein neuer Mitschüler auftaucht, in den sich der Teenager auf den ersten Blick verliebt, geht teilweise wieder die Sonne auf. In ihrer Fantasiewelt ist er ihr Freund Billy Zero, der sie leidenschaftlich liebt. Letztendlich scheinen nicht nur dabei die Grenzen zwischen Realität und Einbildung zu verschwimmen....

Die genannten Orte und Charaktere ergeben anfangs nur wenig Sinn, denn Tracey erzählt ihre Geschichte nicht chronologisch, sondern immer nur in nichtlinearen Fragmenten. Der Zuschauer erfährt erst zum Schluss wie es überhaupt zu der gesamten Situation kam und Tracey nun fast nackt im Bus unterwegs ist....

Achtung, der folgende Abschnitt enthält Spoiler, dass heißt, die Handlung wird relativ ausführlich beschrieben, beziehungsweise ist größtenteils bereits sinngemäß geordnet. Personen, die Traceys Welt auf eigene Faust entdecken wollen, sollten die Passage überspringen.

Im Grunde genommen ist Tracey Berkowitz in der Tat ein einfaches, 15jähriges Mädchen, dass sich mitten in der Pubertät befindet und dabei die üblichen Sorgen und Problemen eines Teenagers durchlebt. Ihre Eltern sind ihr dabei ein weiterer Klotz am Bein. Ihr Vater hält die Erziehung sehr streng und ihre Mutter reagiert kaum noch auf Einflüsse von außen. Einziger Lichtpunkt ist ihr Bruder Sonny, mit dem Tracey ab und zu ihre Zeit verbringt. Sonny hat seiner Schwester zum Geburtstag eine Halskette geschenkt, was für tiefe Bindung zwischen Bruder und Schwester sorgt, die wiederum überhaupt erst der Ausgangspunkt für die spätere Suche ist. Als ihrer Bruder eines Abend anfängt sich wie ein Hund zu benehmen, äußert Tracey, dass sie glaubt ihn hypnotisiert zu haben. Die Eltern kaufen ihr diesen Unfug nicht ab und schicken sie kurzerhand zu Psychiater Dr. Heker. Widerwillig lässt Tracey seine Vorträge und Fragen über sich ergehen, ohne dass es zu einem brauchbaren Ergebnis führt.

Auch außerhalb des Elternhauses hat es Tracey nicht leicht. In der Schule wird sie von ihren Mitschülern ständig wegen ihrer kleinen Brüste gehänselt und oft nur als “Its” bezeichnet. Erst als ein neuer Mitschüler auftaucht, in den sich die Protagonistin auf Anhieb verliebt, macht der triste Schultag wieder einen Sinn. Dass dieser Tracey gar nicht wahrzunehmen scheint, spielt für sie keine Rolle. Sie kreiert ihre eigene Illusionen, in welcher sie ein gefeierter Musik- und Filmstar ist und Billy Zero, der Junge aus der Klasse, als festen Freund hat. Er ist immer für sie da und liebt sie abgöttisch.

Eines Tages geht Tracey wieder einmal mit Sonny auf Tour in den Wald. Da sich der kleine Racker merkwürdig benimmt, mahnt sie ihn immer wieder mit “böser Hund” und fängt an, einen Ball für ihn zu werfen. Dieser landet schließlich nahe eines Flussufers. Während ihr Bruder dem Ball hinterherläuft, gönnt sich Tracey auf einer nahe liegenden Brücke erstmal eine Zigarette. Am anderen Ende der Brücke entdeckt sie schließlich ihren neuen Mitschüler, der sie auffordert mitzukommen. Nach anfänglichem Zögern überwiegt Traceys Neugier und Schwärmerei, so dass sie zu ihm ins Auto steigt. Der Junge verliert daraufhin keine Zeit und beginnt sofort das Mädchen zu küssen. Dabei flüchtet sich Tracey prompt wieder in eine ihrer Billy Zero Fantasien voller leidenschaftlicher Liebe. Die Realität sieht aber anders aus, denn es ist nicht mehr als ein Quckie und der Junge schmeißt Tracey nach dem kurzen Vergnügen kurzerhand wieder aus dem Wagen. Tracey hat kaum Zeit um zu realisieren, was gerade passiert ist, als ihr auch schon wieder ihr Bruder in den Sinn kommt. Doch von dem fehlt nun jede Spur, lediglich seine Mütze ist am Ufer noch auffindbar.

Schweren Herzens kehrt sie nach Hause zurück und versucht ihren Eltern die Situation zu schildern, doch die haben dafür nur wenig Verständnis. Nachdem auch die Polizei nur wenig für Sonny tut, begibt sich Tracey selbst auf eine Reise durch die Nacht. Dabei trifft sie schließlich den schmierigen Lance, der angibt Sonny zu kennen und sie dadurch mit in eine Bar lockt. Dort kommt es jedoch wegen einer Kleinigkeit zu einer Schlägerei und Tracey ergreift die Flucht nach draußen. Ziel- und orientierungslos bricht sie in einer Gasse zusammen und wird von Lance aufgegabelt. Wenig später erwacht Tracey in seiner Bruchbude und möchte gleich wieder aufbrechen, wird von ihm aber zum Bleiben überredet. Durch einen Schneesturm, der draußen sein Unwesen treibt, wäre es ohnehin zu gefährlich in der freien Natur. Weitere Tage ziehen ins Land, als Lance und Tracey von einem Klopfen an der Tür aufgeschreckt werden. Während sich Tracey in einer Ecke des Zimmers versteckt, öffnet Lance die Tür und wird sofort zurückgeworfen. Ein stämmiger und fieser Typ steht in der Tür und fordert von Lance die Begleichung einiger Schulden ein. Als Lance sich als mittellos erweist, beginnt der Typ ihn zu verprügeln. In verzweifelter Not zeigt Lance in Richtung Tracey und macht den unwillkommenen Gast auf sie aufmerksam. Dieser beginnt sofort, das Mädchen brutal zu entkleiden. Tracey wirft sich daraufhin wimmernd auf den Boden und versucht, dadurch den Eindringling zu täuschen. Der Plan geht auf und das Mädchen kann sich unter Einsatz von Gewalt zusammen mit dem in der Nähe befindlichen Duschvorgang aus dem Staub machen. Am Ende sitzt sie nun im Bus und von Sonny fehlt noch immer jegliche Spur. Doch Tracey schwört, nicht aufzugeben und erst wieder nach Hause zu kommen, wenn sie ihren Bruder gefunden hat...

Auch wenn durch die ausführliche Inhaltsangabe einige Zeilen zustande kommen, so ist die Story an sich eigentlich recht simpel und einfach gehalten. Wäre da nicht die charismatische Hauptdarstellerin und die innovative Bildersprache, der Film würde bestimmt schnell wieder in der Versenkung beziehungsweise im Durchschnitt verschwinden.
Allerdings spielt Ellen Page ein weiteres Mal brillant und trägt maßgeblich zum Erfolg des Films bei. In der Tat scheint ihr die Rolle wie auf den Leib geschrieben zu sein. Egal, ob lästernd, sentimental, selbstbewusst oder fluchend - bei letzterem darf sich Page richtig austoben, verbale Ausdrücke und Schimpfworte wie cock, cum, bitch, asshole benutzen und auch und das schöne F-Wort kommt nicht zu kurz - Ellen lebt den Charakter und dessen vielschichtige Facetten mit jedem Teil ihrer Seele. Der Film entwickelt sich dabei zu einer herausragenden “One-Woman-Show”, die alle anderen Darsteller locker an die Wand spielt. Einzig Julian Richings als Dr. Heker und Maxwell McCabe-Lokos als Lance, mit dem Ellen schon in “Mouth to Mouth” zusammengearbeitet hat, treten ein wenig aus der Masse hervor. Obwohl Ellen hier eine 15jährige spielt, wirkt sie optisch sehr erwachsen und sah nie besser und attraktiver aus!

Positiv sollte auch der Score/Soundtrack von “The Tracey Fragments” erwähnt werden, welchen die kanadische Gruppe Broken Social Scene beisteuert. Sie besteht aus einem Haufen Freunde, die vor einigen Jahren beschlossen gemeinsam Musik zu machen, und genießt in den USA großes Ansehen. Die Musik passt sich dabei immer Traceys Stimmung an und bietet eine durchweg abwechslungsreiche und stimmige Untermalung der Szenen.

Einzigartig und genial ist außerdem die Erzähltechnik und Bilddarstellung im Multi-Frame. Selten bekommt der Zuschauer nur einen einzigen Bildausschnitt gezeigt. Häufig wird das aktuelle Geschehen in mehreren Bildsegmenten dargestellt, welche die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln und Zoombereichen veranschaulichen. Das mag zwar auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig sein und fremd wirken, verleiht dem Film aber passenderweise das gewisse Etwas. Grundsätzlich ist es aber so, dass der Zuschauer trotz der Aufsplitterung keine Angst haben muss, etwas zu verpassen. Die Macher geben einem genügend Zeit die Szenen jedes Fragments kurz zu Betrachen und zu Erfassen. Wie die Technik genutzt wird, lässt sich an diesem Beispiel erklären: Im ersten Drittel des Films sitzt Tracey für eine Fotosession in einem Automaten. Während ein Fragment nun das posierende Mädchen zeigt, ist in einem anderen Teilbereich das fertige Foto und in einem dritten Fragment der Ausgabeschacht des Fotoautomaten zu sehen.

Die kanadische Produktion punktet ebenfalls durch ein offenes Ende, welches einfach zu diesem Film passt. Es bleibt völlig offen, was mit Sonny passiert ist und wo er nun wirklich steckt. Dies mag zwar für den einen unbefriedigend sein, lässt aber im positiven Sinne Platz für Diskussionen und eigene Interpretationen. Dem Applaus zufolge, hat dem Publikum im Kinosaal Nr. 7 der Film auf jeden Fall gut gefallen. Nur eine Handvoll hat während der Vorstellung bereits den Saal verlassen. Auch Bruce McDonald und ein Teil seines Stabes, der anschließend den Saal betrat, bekamen am Ende ordentlich Beifall.

Da sowohl Regisseur als auch Mitglieder der Crew an diesem Abend sich dem Publikum zur Verfügung stellten und einige Fragen beantworteten, gibt es nun noch einige Details zum Film aus erster Hand:

Der Film selbst wurde von Bruce McDonald in gerade mal 14 Tagen abgedreht. Anschließend ging es in die Postproduktion, bei der sich drei Editoren um die Erstellung der Fragmente und Aufbereitung des Materials gekümmert haben. Es dauerte mehrere Monate beziehungsweise es ist von schätzungsweise 90 Tagen die Rede bis der Film schließlich das war, was er heute ist. McDonald gab gestern sogar an, dass sein jüngsten Werk gerade so zur Berlinale fertig geworden ist.
Die Fragmente, die wesentlicher Bestandteil des Films sind, sollen dabei die Emotionen von Tracey und ihrer aktuellen Erinnerungen, die jeder Mensch wiederum visuell speichert, wiederspiegeln. Je nach Gefühlslage und Gedankenwirrwarr sind deshalb mal mehr, mal weniger Bildausschnitte zu sehen.

Fazit:

Mit “The Tracey Fragments” hat sich Ellen Page nach “Hard Candy” ein weiteres Denkmal gesetzt. Die 19jährige lebt die Rolle der Tracey Berkowitz richtig aus und überzeugt mit einer wahnsinnigen Leinwandpräsenz und Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig kann sie ein weiteres Mal ihr außergewöhnliches, schauspielerisches Talent und glückliches Händchen für interessante Independentproduktionen beweisen. Die Story alleine wird sicherlich niemanden vom Hocker reißen, lässt man sich aber auf die brillante Hauptdarstellerin und die innovative Fragment-Technik ein, wird man 80 Minuten lang bestens unterhalten. Ein Muss für alle Ellen Page Fans und interessant für Filmfans, die etwas wirklich Neues sehen möchten!

Letztes Update: 11.11.2017 Twitter  Facebook  YouTube  Instagram  Tumblr  Spende  HiStats © 2006-2017 TeamEPO
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