Mouth to Mouth - Filmkritik

von Dominik Keppner, veröffentlicht am 14. August 2006



Die Reise von Sherry (Ellen Page) beginnt in Deutschland. In der deutschen Hauptstadt Berlin trifft sie auf Tiger (August Diehl), der ihr einen Flyer der Gruppe S*P*A*R*K (Street People Armed With Radical Knowledge) in die Hand drückt. Wenig später taucht Sherry auf deren Versammlung auf, wo die Mitglieder der Gruppe Obdachlose und Drogenabhängige und sonstige Mittellose rekrutieren möchte. Auch Sherry fühlt sich von deren Botschaft auf Freiheit und Zusammenhalt angesprochen und schließt sich der Gruppe an. Dadurch betritt sie auch eine völlig neue Welt - die Gruppe durchsucht Mülltonnen nach verwertbarem Material, veranstaltet Wohltätigkeitsessen für Ihresgleichen und begibt sich auf die Fahrt in Richtung Süden. Beim Zwischenstopp in Frankreich kommt Sherry mit der etwa gleichaltrigen Nancy ins Gespräch und fragt nach deren familiären Hintergrund. Dabei beginnen ihre Gedanken auch um ihre eigene Mutter zu kreisen, woraufhin Sherry diese über eine Telefonzelle anruft, somit ein Lebenszeichen von sich gibt und auch das Ziel ihrer Reise erwähnt.

Die Gruppe erreicht als erstes Ziel ein Festivals, zu dem sich Tausende versammeln um Spaß zu haben. Dort angekommen nimmt Harry, der Anführer der Gruppe, das Telefonat zum Anlass um Sherry Absichten der Gruppe gegenüber in Frage zu stellen. Sherry gesteht, dass sie momentan nicht weiß, was sie denken soll, es ihr jedoch schon ernst ist. Auf der anschließenden Party kommt Sherry in Kontakt mit Drogen, die sie in Verbindung mit dem reichlichen konsumierten Alkohol willig für Tiger machen, der die Situation ausnutzt und mit ihr schlafen möchte. Durch den restlichen Funken Verstand kann sie sich aber noch im letzten Moment von ihm losreißen. Informiert durch das Telefonat mit ihrer Tochter taucht auch Sherrys Mutter auf dem Festival auf und versucht mit Handzetteln ihre Tochter zu finden.

Aufgrund der Ereignisse in der Nacht beschließt Sherry die Gruppe wieder zu verlassen und auf eigene Faust ihre Reise fortzusetzen. Beim Trampen trifft sie schließlich auf ihre Mutter, die sie mit ihrem Auto mitnimmt. Die Harmonie währt aber nicht lange, schon nach wenigen Minuten streiten sich die beiden bereits und Sherry kehrt zum Festival zurück. Da die Gruppe jedoch mittlerweile ohne sie weitergefahren ist, trampt sie alleine weiter nach Portugal, wo eine Plantage der nächste Halt von S*P*A*R*K sein wird. Durch einen Flyer der Gruppe ist auch Sherrys Mutter darüber informiert und nimmt die Verfolgung ihrer Tochter auf.

Bei der Plantage angekommen wird Sherry zunächst freundlich begrüßt und erneut in die Gruppe integriert, muss jedoch auch feststellen, dass sich beim bisherigen lockereren Lebensstil einiges geändert hat. Von nun an gelten gewissen Regeln (keine Drogen, keinen Sex usw.) und jeder Verstoß wird hart (essen von Chilis, eine Nacht in einem stillgelegten Brunnen) bestraft. Sherry beteiligt sich an den Aktivitäten der Gruppe, hat aber immer noch das Gefühl, dass Harry sie nicht dabei haben möchte und ihr noch immer misstraut. Als Sherry dies Harry eines Abends gesteht, bedauert er ihre Einstellungen, nimmt sie jedoch in die Arme und schläft am Ende mit ihr. Von diesem Augenblick an ist Harry nicht mehr derselbe - er ist noch verschlossene gegenüber Sherry, bestraft sie für den Regelverstoß in der besagten Nacht und lässt die Gruppe bei vielem außen vor. Durch das Auftauchen ihrer Mutter, die noch dazu eine weitreichende Entscheidung trifft, und die Verkettung mehrerer tragischer Ereignisse - die sogar zum Tod eines Gruppenmitglieds führen - beginnt Sherry den “Traum”, den sie momentan lebt, in Frage zu stellen...

Deutsche Zuschauer werden sie selbst bei der Originalfassung in den ersten 30 Minuten des Films sehr heimisch fühlen. Von Berlin sieht man zwar wenig, aber dafür wird zu Beginn noch viel Deutsch gesprochen, was für die ausländischen Zuschauer mit Untertiteln übersetzt wird.

Der Film beginnt direkt mit Sherry Einstieg in die Gruppe S*P*A*R*K, Hintergründe wie Sherry überhaupt erst in diese Situation gekommen ist, bleiben zunächst unbekannt. Dies ist jedoch auf der einen Seite auch durchaus sinnvoll, da sich der Zuschauer dann zu diesem Zeitpunkt nicht schon allzu viele Gedanken um das Drumherum macht. Man lernt Sherry als Tramperin kennen, die sich mit nichts weiterem als einem Rucksack, durch das Leben schlägt. Aus diesem Blickwinkel ist es dann auch kein Wunder, dass sie sich vorbehaltlos der Gruppe anschließt, die ihr ein besseres Leben offeriert. Sie findet Gleichgesinnte und Gleichaltrige und bekommt durch den Zusammenhalt der Gruppe, die auf den ersten Blick bestens organisiert zu sein scheint, ein Gefühl von Geborgenheit. Doch die Harmonie täuscht, was ziemlich früh durch den unnötigen Todesfall eines Jungen, bei dem sich die Mitglieder über die weitere Vorgehensweise uneins sind, aufgedeckt wird. Als Sherrys Absichten dann auf dem Festival von Harry in Frage gestellt werden und Tiger auch noch mit ihr schlafen möchte, kann man sich bereits gut in die Hauptdarstellerin hineinversetzen, die zu diesem Zeitpunkt schon die ersten Zweifel hegt und die Gruppe verlassen möchte. Durch das Auftauchen von Laurie (Sherrys Mutter) nimmt der Film an Fahrt auf, man erahnt warum Sherry von zu Hause abgehauen ist und seither durch die Weltgeschichte zieht. S*P*A*R*K erscheint hier einmal mehr der Ausweg aus ihrer Lage zu sein. Doch auch dieser Eindruck trügt, denn auf der Plantage in Portugal, wo ein Großteil des Films schließlich spielt, ist auf einmal alles anders. Die neugewonnen Freiheit wird durch harte Regel des (vermutlich) selbsternannten Anführers Harry brutal eingeschränkt und ein Verstoß auch noch bestraft. Sherry hat zwar Spaß an den abwechslungsreichen Tätigkeiten auf der Plantage, fühlt sich aber dennoch nicht hundertprozentig wohl dort. Die Tatsache, dass ihre Mutter auch noch auf der Bildfläche erscheint und sich ebenfalls der Gruppe anschließt, macht die Sache nicht leichter. Im Gegenteil, die junge Sherry verliert dadurch ihre letzte Bezugsperson zur “normalen Welt” und ist nun völlig auf sich alleine gestellt. Während sie früher noch zwischen der Gruppe und ihrer Mutter wählen konnte, werden nun die Möglichkeiten immer geringer.

Dadurch entsteht ein gewisses Unbehagen, da für Sherry letztendlich nur noch das Leben in der Gruppe bleibt. Dazu kommt, dass durch die Regeln der Hauch von Freiheit und dem unbeschwerten Leben nahezu verflogen sind. Gleichzeitig macht es Harry besonders Sherry nicht leicht sich in der Gruppe heimisch zu fühlen. Dieser Mann, der im Mittelpunkt steht und als Sprachrohr fungiert, ist auch gleichzeitig der größte Schwachpunkt der Gruppe. Mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten...

Für Ellen war dieser Film bestimmt eine tolle Erfahrung. Durch die verschiedenen Drehorte in Deutschland, Frankreich und Portugal, hat sie mehr von Europa gesehen als manch ein anderer Schauspieler aus dem Westen. Gleichzeitig erlebt man sie hier in einer etwas wilderen Rolle mit Lippenring und viel Makeup, die man ihr aber auch sofort abnimmt. Jedoch kann man gar nicht glauben, dass das gleiche Mädchen noch im selben Jahr “I downloaded a Ghost” gedreht hatte, wo sie irgendwie total anders aussieht. Das Surren des Rasierers ist in diesem Film bestimmt das schlimmste aller Geräusche. Es tut wirklich weh wie Ellen als Aufnahmeprozedur für die Gruppe sich von ihrer schulterlangen Haarpracht trennen muss. Besonders fies dabei: Da sie laut Harry nur halbherzig dabei ist, bekommt sie erst die eine Hälfte des Kopfes geschoren und erst viel später die andere Hälfte. Hier zolle ich Ellen Respekt, dass sie für solch einen Schritt offen war - da fallen mir spontan nur Natalie Portman (V wie Vendetta) oder Sigourney Weaver (Alien 3), die zu Ähnlichem bereit waren.

Man kann sagen, dass sie einmal mehr mit Leib und Seele dabei ist - sei es nun bei der Radikalfrisur oder auch den Sexszenen - sie weiß einfach zu überzeugen. Dieser Film lebt von einer glaubwürdigen (Haupt-)Schauspielerin, die das orientierungslose und oft auch hilflos wirkende Mädchen darstellen kann, und genau dies erfüllt Ellen Page mit Bravour. Die Zeitung Toronto Sun schreibt hier völlig zurecht: “Ellen Page is going to be a superstar."

Aber auch die anderen Rollen sind Eric Thal als starken, aber fragwürdigen Anführer Harry, sowie Natasha Wightman als Woodstock-Mama oder dem Deutschen August Diehl, als stets loyale rechte Hand von Harry gut besetzt. Der Soundtrack passt zu den Bildern und hält einige schöne Melodien bereit. Wie man schon an diesem langen Review sehen kann, ist es ein Film mit vielen Details und Szenen, über die man sich lange unterhalten kann. Alison Murray, die das Ganze auch in ähnlicher Form selbst erlebt hat, erzählt eine Geschichte die sowohl jung und alt anspricht. Der Film hat zwar ein relativ offenes Ende, bezieht aber dennoch eindeutig Stellung zur geschilderten Gruppendynamik. Dies ist auch ganz gut so, zumal Murray mit diesem Film bestimmt auch eine eigene Botschaft rüberbringen wollte, was ihr auf diese Weise auch gelingt.

Das größte Problem an diesem Film sind - so komisch es sich auch anhören mag - die Autos, für die es Punkteabzug gibt. S*P*A*R*K ist eine Gruppe von Mittellosen, die es jedoch schaffen mit ihrem Kleintransporter von Deutschland nach Portugal zu fahren. Hier stellt sie für mich - und das schon während des Films - unweigerlich die Frage, wie die Herren und Damen an das nötige Benzin kommen. Leider lässt der Film dieses Detail komplett aus. Darüber hinaus gibt es den ein oder anderen - oft auch offensichtlichen - Filmfehler. So ist zum Beispiel während der Fahrt von Laurie und Sherry eindeutig ein nachfolgendes Auto zu sehen. Als Sherry dann das eigene Auto von der Straße abbringt, ist dieses Auto verschwunden und fährt auch nicht den folgenden Momenten vorbei.

Fazit:

Mouth to Mouth ist dennoch ein guter Film geworden, bei dem besonders die Kanadierin Ellen Page überzeugt und sich als wahrer Glücksgriff erweist. Er schafft es mit eindrucksvollen Bildern und netter Hintergrundmusik das Leben in einer solchen Gruppe mit all seinen Chancen und Risiken authentisch einzufangen.

Letztes Update: 11.11.2017 Twitter  Facebook  YouTube  Instagram  Tumblr  Spende  HiStats © 2006-2017 TeamEPO
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